Leseprobe: Vorbemerkungen

Menschenrechte sind nicht unumstritten. Gerade in der heutigen Zeit gibt es immer wieder Auseinandersetzungen darüber, ob die Menschenrechte einen universellen und damit weltweiten Geltungsanspruch besitzen. Eines der Hauptargumente der Gegner dieses Universalitätsanspruches ist der, dass die Menschenrechte in ihrer heutigen Form auf einer Entwicklung der westlichen Zivilisationen beruhen und andere Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die in anderen Teilen der Welt entstanden sind, nicht berücksichtigen.

Die Menschenrechte, wie sie die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (AEMR) der Vereinten Nationen von 1948 festschreibt, erheben aber den Anspruch, überall auf der Welt, zu jeder Zeit und für jeden Menschen gleichermaßen gültig zu sein.

In den Jahren nach der Herausgabe der Erklärung mehrten sich kritische Stimmen, die in der Deklaration ein spezifisch westliches Ideal von Menschenrechten verwirklicht sahen. Neben Kritikern aus asiatischen und afrikanischen Staaten waren es vor allem muslimische Vertreter, die die Allgemeingültigkeit des Dokuments in Frage stellten. Mit der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Islam“, herausgegeben 1981 vom „Islamrat für Europa“, und der „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“, 1990 veröffentlicht von der Organisation der Islamischen Konferenz, sowie der „Arabische Charta der Menschenrechte“, 1994, wurden drei islamische Gegenentwürfe zur UN-Deklaration vorgelegt.

Diese islamischen Erklärungen stellen die Sharî’a, das islamische Recht, als Grundlage und Auslegungshorizont über alle anderen Rechte. Auch wird Kollektivrechten ein wesentlich höherer Stellenwert eingeräumt als in der Erklärung der Vereinten Nationen. Dies kann so interpretiert werden, dass das Wohl der Gemeinschaft – sei es die Familie oder die Umma (die Gemeinschaft aller Muslime) – im Zweifelsfall über das individuelle Wohl zu stellen ist. Stärkung und Schutz der Umma sind im Islam von hoher Bedeutung.

Wie andere Religionen auch, erhebt der Islam den Anspruch, dass allein seine Glaubensgrundsätze wahr und befolgenswert sind. Ziel ist es daher, die Religion so weit wie möglich zu verbreiten. Zur Entstehungszeit des Islam war mit seiner Ausbreitung zudem ein politischer Machtanspruch verbunden. Wenn nötig, mussten dem Ziel der Stärkung der Umma individuellen Ansprüche untergeordnet werden. Diese Auffassung kommt auch in den islamischen Erklärungen deutlich zum Ausdruck und veranschaulicht die enge Verknüpfung von Politik, Recht und Religion im Islam bis heute.