Leseprobe: Vorwort

Wer anderen nützen will, findet überall Beschäftigung.
Leo Tolstoi

Einleitende Gedanken

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“
Karl Marx

Vorweg, man kann es auch anders ausdrücken: Unsere Lebensumwelt beeinflusst unser Denken und Handeln und das in vielfacher Hinsicht. Durch unser materielles Sein unterliegen wir auch materiellen Grundbedürfnissen (Bedarf nach Nahrung, Wärme, Kleidung, Wohnung usw.).

Immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft fällt es immer schwerer diese Bedürfnisse zu befriedigen. Vielen ist es auch unmöglich, und viele werden dadurch an den Rand der Gesellschaft gedrängt, werden so zu den „Aussätzigen von heute“. Immer schon war „Aussatz“ mehr eine soziale als eine medizinische Diagnose. Aber nicht nur materielle Bedürfnisse gilt es zu befriedigen.

Wie werden aber auch durch unsere soziale Umwelt stark beeinflusst. Wo und wie wir aufwachsen bestimmt unseren Lebensweg. Die soziale, wirtschaftliche Lebens-Situation prägt den Menschen (das Bewusstsein dieses Menschen). Arbeiterkinder studieren bspw. sehr viel weniger häufig als Kinder von Akademikern. Wer in ärmlichen Verhältnissen aufwächst wird es sehr viel schwerer haben Kunst, Kultur und Philosophie für sich zu entdecken. etc.

Mitmenschlichkeit und Aufeinanderzugehen werden mehr und mehr von Egoismen verdrängt werden. Intoleranz, Menschenverachtung und Ausländerhass sind Folgen dieser Entwicklung.

So bedeutet ritterliches Handeln für uns heute in erster Linie humanitäres Handeln, Kampf gegen Intoleranz, gegen Ungerechtigkeit und Verarmung, in gemeinsamer Verantwortung und individuellem Engagement.

Als Ritterorden, fördert der Hospitalische Lazarusorden eine kosmopolitische Gesellschaft, in der Unterschiede respektiert, willkommen geheißen und geschätzt werden. Jeder einzelne von uns strebt danach, durch persönlichen Einsatz und persönliches Vorbild ein gemeinsames Miteinander zu ermöglichen.

Die Erfüllung der Ziele des Hospitalische Lazarusorden erfolgt heute vor allem im individuellen Kreis der Mitglieder, die als Multiplikatoren wirken.

Als Ordensmitglieder sind wir angewiesen, mit offenen Augen unsere Umgebung zu beobachten und in Eigenverantwortung zu helfen, wo immer eine Möglichkeit dazu besteht. Übersteigen die erforderlichen Hilfen die eigenen Möglichkeiten, sucht die Ordensgemeinschaft nach weiteren Möglichkeiten.

ABER, heißt das Nächstenhilfe und Spenden sollen den Sozialstaat ersetzen?

Diese (leider allzu oft notwendige) Hilfe, die ganz offensichtlich eine Leerstelle füllt, darf jedoch keinesfalls dazu dienen das Ungleichgewicht in der Gesellschaft zu stabilisieren, die Armut, das soziale Ungleichgewicht, zu ‘zementieren’ und den Staus quo zu erhalten, statt an einer Abschaffung der Armut mitzuwirken.

Es gilt einer Entwicklung entgegenzuwirken, die Kritiker als „Vertafelung der Gesellschaft“ bezeichnen, eine Entwicklung die drauf und dran ist dem Abbau des Sozialstaates Vorschub zu leisten.

Eigenengagement soll einerseits nicht verlernt werden aber der Sozialstaat darf auch nicht aus seiner Verantwortung entlassen werden.

Es besteht in diesem System tatsächlich die Gefahr, dass der Sozialstaat privatisiert wird, Bedürftigen Eigenverantwortung abgenommen wird, Mitmenschen zu Almosenempfängern herabgewürdigt werden und wir unser sattes, schlechtes Gewissen damit beruhigen, „eh‘ etwas getan zu haben“.

Daher unterstützen wir die Forderung, dass auch in Zeiten leerer Kassen Freiwilliges Engagement nicht Hauptamtliches ersetzen oder verdrängen darf, und dass das ehrenamtliches Engagement (besonders) für Frauen kein Ersatz für Erwerbsarbeit sein darf. Wir dürfen daher nicht aufhören auf allen Ebenen, den Sozialstaat in die Pflicht zu nehmen und trotzdem den Menschen, die zu uns kommen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Wir wollen Menschen die Gelegenheit bieten, sich solidarisch zu zeigen, die eigene Verantwortung als Teil der Gesellschaft wahrzunehmen, Begegnungen zu ermöglichen zwischen arm und reich, zwischen jung und alt.

Wir dürfen nicht aufhören, vorzuleben, dass es Freude macht, zu helfen und etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen.

Oliver M. GRUBER-LAVIN, KLJ